Das Elend der Deutsche Bundesbahn und ein mögliches Ende - von Thomas Seidel
Einstmals nach dem Ersten Weltkrieg als Deutsche Reichsbahn aus vielen lokalen Landesbahnen zusammengefasst, galt die Reichsbahn lange Zeit als Hauptverkehrsträger für Güter und Personen im Land. Die zunehmende Verkehrsverlagerung auf die Straße und zum Teil in die Luft hat das, nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutsche Bundesbahn umbenannte, staatliche Monopolunternehmen in Bundesbesitz bis heute nicht angemessen kontern können. Geführt von einer endlosen Reihe von Dauerversagern im Management und ständig geschüttelt von wechselhaften politischen Vorgaben, ist es der Deutschen Bahn bis heute nicht gelungen, auf das Leistungsniveau europäischer Nachbarsysteme zu gelangen. Nach jahrzehntelanger Misswirtschaft bleibt nur noch der radikalste denkbare Schritt, dem Elend ein Ende zu setzen.
Ältere Nutzer der Bahn werden sich vielleicht noch daran erinnern, welche Macht ein Bahnschaffner über aller Fahrgäste besaß. Dabei ging es nicht nur um die Fahrscheinkontrolle. Unter dem Begriff "Eingriffe in den Bahnverkehr" kann ein Schaffner jeden Passagier ungestraft anmaulen, zurechtweisen, schikanieren und auch des Zuges verweisen. Daneben gibt es in gewissem Rahmen eine Beförderungspflicht der Deutschen Bahn für Personen und Güter. Allein diese Beförderungspflicht macht z.B. bis heute jede Sitzplatzreservierung sinnlos. Alles zusammen hat, über die rund einhundert Jahre ihres Bestehens, in allen Köpfen aller Bahnmitarbeiter eine Art Denk- und Verhaltensweise oder auch Unternehmenskultur entwickelt, dass sich das Unternehmen seit Jahrzehnten vorwiegend nur mit sich selbst beschäftigt und die Belange seiner Kunden (Passagiere) völlig vernachlässigt.
Dieser Zustand erscheint mittlerweile irreparabel. Was auch immer an Investitionen, Maßnahmen, Neuorganisationen oder Führungswechseln unternommen wird, verpufft wirkungslos. Es muss ein radikaler Neuanfang unternommen werden, schmerzlich freilich für die Betroffenen, jedoch unumgänglich. Ein solcher Neuanfang kann nur unter folgenden Bedingungen gelingen:
1. Das Schienennetz und der Schienenbetrieb werden voneinander getrennt. Der Netzbetreiber ist für die Zuverfügungstellung und Instandhaltung des Schienennetzes verantwortlich und wird dafür von den Netznutzern vergütet.
2. Die Bundesrepublik Deutschland gründet eine Auffanggesellschaft, in der ausnahmslos alle Mitarbeiter des Schienenbetriebs übernommen werden. Diese dürfen fortan für eine Mitarbeit im Schienenbetrieb nicht mehr zu Verfügung stehen. Nur so kann sicher gestellt werden, das die alte aber schädliche Unternehmenskultur der Deutschen Bundesbahn einmal ein Ende findet.
3. Dem voraus gehen muss, dass für den Schienenbetrieb völlig neue, rein privatwirtschaftlich betriebene Unternehmen gegründet werden dürfen, die, durchaus wettbewerblich mit einander konkurrierend, ihre Transportangebote Passagieren und Güterunternehmen zur Nutzung anbieten sollen. Dabei muss sichergestellt werden, dass in keinem Fall ein bisheriger Mitarbeiter der Deutschen Bahn in diesen neuen Betreibergesellschaften wieder zum Einsatz kommt.
4. Die bislang obligatorische Transportpflicht muss für die neuen Betreiberunternehmen entfallen.
5. Es ist anzustreben, besonders auf den modernen Hochgeschwindigkeitsstrecken, auch im europäischen Rahmen eine Netznutzung und freien Wettbewerb der Betreiber zuzulassen.
Es ist nicht einzusehen, warum es in Europa immer noch Linienflugverkehr auf Distanzen zwischen 100 und 500 km geben muss, wenn die zu verbindenden Orte über Anschlüsse an ein gemeinsames Hochgeschwindigskeitsnetz verfügen.
Natürlich wird sich das nicht über Nacht bewerkstelligen lassen. Die Deutsche Bahn ist mit über 200.000 Mitarbeitern einer der größten deutschen Arbeitgeber. Zwar wären die Kosten einer Auffanggesellschaft, die vielleicht über Jahrzehnte hinweg Menschen bezahlen muss, die in ihrer ursprünglichen Tätigkeit nicht mehr produktiv sein können, enorm. Dennoch wird es sich langfristig besser rechnen, als für weitere Generationen an dem bestehenden Desaster weiter zu wursteln und, wie exemplarisch im Fall "Stuttgart 21", Jahr für Jahr immer neue Milliarden sinnlos zu versenken.
Beispiele für eine gelungene Modernisierung staatlicher Bahnbetriebe kann man sich jederzeit im europäischen Ausland holen. Sowohl skandinavische Länder, aber auch Spanien, Italien, Frankreich und natürlich die Schweiz können hier Anregungen und Erfahrungen anbieten. Die Radikalität des hier geschilderten Vorschlags begründet sich einzig und allein aus dem jahrzehntelangen Versagen von Bahn und Politik, die eine, heute auch umso mehr dringend notwendige geopolitische, Neuausrichtung einer einzigartigen Verkehrsinfratruktur notwendig macht.
Bildnachweis: Bundesbahn-Baustelle Stuttgart 21 im Jahr 2017 Quelle: Stern Urheber: © Sebastian Gollnow/DPA
