Der Rücktritt des Jens Spahn -Ein Kommentar von Thomas Seidel-


 

Es gibt wohl kaum einen deutschen Politiker in den zurückliegenden Jahren, der wieder und immer wieder so viel "Scheiße" gebaut hat, wie der 1980 im westfälischen Münsterland geborene Jens Spahn. Seine politische Karriere ist eine Aneinanderreihung von persönlicher Verblendungen und politischen Fehleinschätzungen, wie man sie seit der Jahrtausendwende in dieser Intensität zwar noch selten aber ansonsten immer häufiger antreffen kann. Besonders anfällig für die Förderungen von solchem Politpersonal scheint aber die Karrieristenpartei CDU in Deutschland zu sein. Die personellen Auswahlverfahren der Partei und die Einschätzung von innerparteilichen Förderern für den Politnachwuchs müssten in dieser Partei dringend hinterfragt werden.

Nicht nur einmal hat die CDU mit einer Personalie auf nur zwei Rädern fahrend gerade noch einmal die Kurve gekriegt. Man erinnert sich an den ehemaligen Baden-Württemberigischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (Jahrgang 1966), dessen ständige ichbezogenen Politentscheidungen der Bundesrepublik Deutschland u.a. das Projekt Stuttgart 21 hinlassen haben. 

Ein ganz anderes Kaliber fataler CDU-Personalpolitik war der langjährige Hessische Ministerpräsident Roland Koch vom Jahrgang 1958. Über Hessen hinaus erlangte Koch vor allem Bekanntheit durch seine zweifelhafte Rolle in der CDU-Spendenaffäre um die Jahrtausendwende. Darüber hinaus ergossen sich aus Koch's Mund immer wieder heftige, stark an der offenen Ausländerfeindlichkeit vorbeischrammende Töne, die bis hart an die Grenze persönlicher Diffamierung politischer Gegner heranreichten.

Daneben gab und gibt es eine ganze Reihe von weiteren fragwürdigen Gestalten aus CDU-Personalentscheidungen, die es bis in aller höchste Ämter gebracht haben. So etwa der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff über dessen schnelles Erscheinen und Verschwinden in dieser Position und seltsame private Finanzierungsmanöver hier nicht weiter ins Detail eingegangen werden muss, auch wenn es hier wie dort u.a. um fragwürdige Hausfinanzierungen ging.

Jens Spahn aber ist darüber hinaus noch ein typischer Vertreter der "Generation GOLF". Darunter versteht man die Kinder der 1968er-Studentenrevolutionäre, jener Typus von Politrevoluzzern aus den späten1960er und 1970-Jahren, die zwar das aus Vorkriegszeiten überkommene Gesellschaftssystem in Deutschland sprengten, aber, völlig untypisch für Revolutionäre, keinerlei neue Werte an die Stelle des Überkommenen einsetzten. Bar jeder gesellschaftlichen Wertevermittlung wuchsen ab 1980er-Jahren Kinder auf, für die es nur eine einzige Orientierungschance gab, der vollkommen Ich-bezogene Konsum. Was durch diese Kulturrevolution besonders in Deutschland völlig abhanden gekommen war, ist diese Einsicht, vor allem in öffentlichen Ämtern, der Gesellschaft insgesamt im besten protestantisch-preußischen Sinn zuallererst demütig zu dienen und persönlich private Belange hinten an zu stellen.

Diese Wertlosigkeit erklärt auch die Äußerung von Spahn im Zusammenhang mit seiner Elternschaft, wonach er seine politischen Maßstäbe und Überzeugungen von seinen persönlichen privaten trennen würde. Er versteht nicht, wie er sich in den Augen der Öffentlichkeit geradezu als eine innerlich gespaltene Person präsentiert und damit jegliche Glaubwürdigkeit und jegliches Vertrauen verliert. Freilich ist diese Denk- und Verhaltensweise auch genau das, was der zeitgenössische Wunsch nach einer Work-Life-Balance ausdrückt.

Spans (erstoßener) Rücktritt ist zwar folgerichtig, er sollte aber auch ein Menetekel für alle Berufspolitiker sein, dass der ausgesprochene politische Anspruch und das tatsächliche Entscheidungsverhalten überwiegend in Einklang miteinander stehen sollten. Sonst ist es mit der Karriere schnell vorbei.

Bildnachweis: Quelle NRZ

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